Nordkalottleden 2015 – 1. Etappe

Kautokeino – Kilpisjärvi

 

8. Juli 2015 – 1. Tag

Der grosse Tag ist nun endlich gekommen und so stehe ich also früh morgens mit meinen Wanderschuhen an den Füssen und 17,5 Kg Gewicht auf dem Rücken am Flughafen Zürich. Mit etwas gemischten Gefühlen starte ich meine Reise, ich freue mich zwar riesig, endlich geht’s los, andererseits habe ich aber eigentlich überhaupt keine Ahnung was mich erwartet, was mir doch ein ziemlich mulmiges Gefühl gibt. Nach einem Kaffee am Gate können wir endlich einsteigen. Doch irgendetwas stimmt mit der Maschine nicht und nach langem Hin und Her müssen mir nochmal aussteigen und die Maschine wechseln. Mit zwei Stunden Verspätung heben wir dann doch endlich ab. Der Gedanke, dass ich mein Gepäck in Oslo entgegen nehmen und sofort für meinen Anschlussflug nach Alta wieder aufgeben muss, lässt mich innerlich zittern.. Ich hatte für diese Prozedur etwas mehr als drei Stunden eingerechnet und zwei Stunden davon habe ich schon in Zürich verloren. Doch ich schaffe es, meinen Anschlussflug zu erreichen. Der Flughafen in Alta ist so klein, dass ich innerhalb kürzester Zeit bei der Gepäckförderanlage bin. Und tatsächlich, da kommt mein Rucksack!

Mein Bus nach Kautokeino fährt erst in einigen Stunden, also beschliesse ich, mich schon hier in Alta mit Proviant für die nächsten zwei Wochen einzudecken und nicht in Kautokeino wie ursprünglich geplant. Natürlich hatte ich mir bereits einige Gedanken gemacht, was ich einkaufen möchte und wie die jeweiligen Mahlzeiten aussehen könnten, doch ich hätte mir wohl besser einen Einkaufszettel geschrieben.. Ich verbringe tatsächlich etwas mehr als eine Stunde im Supermarkt, bis ich endlich genügend Proviant zusammen habe. Nun muss ich nur noch alles irgendwie in meinen 65l Rucksack quetschen. Ich brauche ein paar Anläufe bis das klappt. Mir scheint, der Rucksack könnte jeden Moment platzen und auf dem Weg zur Bushaltestelle frage ich mich, wie ich soviel Gewicht überhaupt länger als eine halbe Stunde auf meinem Rücken tragen soll??

Gegen 22.30 Uhr komme ich endlich in Kautokeino an. Der Busfahrer lässt mich an einer Tankstelle aussteigen und fährt mit einem letzten, etwas besorgten Blick weiter. Ewas unschlüssig bleibe ich kurz am Strassenrand stehen, beschliesse dann aber, jetzt die erste Markierung des Nordkalottledens zu suchen und dann mein Zelt aufzuschlagen. Einer der Gründe, weshalb ich ausgerechnet in Nordskandinavien wandern wollte, ist die Mitternachtssonne. Ich kann nie von der Dunkelheit überrascht werden. Auch jetzt scheint die Sonne als wäre es gerade mal Mittag. Kaum bin ich ausserhalb von Kautokeino, werde ich von Mücken umzingelt. Auch ein Renntier (muss wohl ein gezähmtes gewesen sein) verfolgt mich. Gegen Mitternacht beschliesse ich, mein Zelt aufzustellen und zu schlafen. Ich bin müde, verschwitzt und die Mücken setzen mir zu. Doch es ist gar nicht so einfach, bei Sonnenschein und einem Renntier, welches die ganze Nacht ums Zelt stapft, zu schlafen..

Mücken im Zelt

 

9. Juli 2015 – 2. Tag

In meinem Leben habe ich wohl noch nie so schlecht geschlafen. Bei jedem kleinen Geräusch bin ich sofort hellwach und die Tatsache, dass es Draussen taghell ist, macht es nicht gerade einfacher. Bereits gegen 8.00 Uhr bin ich wieder auf den Beinen und bereit, weiter zu wandern. Mittlerweile habe ich mein Mückennetz gefunden und mir über den Kopf gestülpt. So kann ich mir die Mücken und Knots einigermassen auf Abstand halten.

Ich laufe ohne Frühstück los, ich habe keine Lust zu kochen und ausserdem habe ich überhaupt keinen Hunger. Der Weg ist sumpfig und ich komme nur langsam vorwärts. Ich verliere oft den Pfad und manchmal suche ich fast 10 Minuten, bis ich wieder irgendwo in der Ferne eine rote Markierung ausmachen kann.

Es ist heiss, und schon nach kurzer Zeit bin ich schweissgebadet. Meinen Pullover auszuziehen kommt nicht in Frage, die Mücken würden mich auf der Stelle fressen. Auf einer Anhöhe, oberhalb der Baumgrenze (diese ist hier ca. bei 500 M.ü.M) mache ich eine Pause und Koche mir einen Kaffee.

Hier gibts aufgrund des Windes fast keine Mücken, himmlisch!!

Das letzte Wegstück krieche ich wohl eher und ich freue mich auf mein Bett. Die ersten 15 Km meiner über 800 Km langen Wanderung habe ich geschafft. ..Oh hell, was habe ich mir dabei nur gedacht?? Ich gehe ohne Abendessen ins Bett, bin zu müde zum kochen und sowieso, keinen einzigen Schritt kann und werde ich heute noch laufen..

 

10. Juli 2015 – 3. Tag

Abgesehen von einem nächtlichen Schreck – ich habe geträumt, dass ich verschlafen hätte, und wollte schon in aller Eile aufstehen (es war 2.30 Uhr) – habe ich gut geschlafen. Nach einem Kaffee räume ich mein Lager zusammen, was immer wieder eine grössere Herausvorderung ist und laufe los.

Wie gestern ist es streng und schon bald bin ich völlig durchnässt. Bei jedem Schritt denke ich eigentlich nur eines: „What the hell am I doing here??“ Wer ist denn schon so doof und geht mit 20 Kg zusätzlich auf dem Rücken in der von Mücken verseuchten Wildnis wandern? Ich könnte jetzt zu Hause Bier trinken und gemütlich den Sommer geniessen.

Doch bald komme ich auf eine Anhöhe und die wunderschöne Landschaft erstreckt sich vor mir. Ich bin völlig überwältigt! Nirgends sehe ich ein Zeichen von Zivilisation, ich höre kein Geräusch. Es ist unglaublich wunderschön. Ich stehe hier ganz alleine, mitten im Nirgendwo, drei Tage von der nächsten Zivilisation entfernt! WOW! WOW! WOW!

Aussichtspunkt

Jetzt weiss ich es zum ersten Mal: Es ist die Hölle auf Erden, aber diese ist unglaublich wunderschön!

Bald komme ich bei einem kleinen Fluss vorbei. Das Wasser sieht sehr einladend aus und so ziehe ich mich ohne nachzudenken aus und springe rein. Gott.. das Wasser ist eiskalt!! Aufgrund der Mücken wirds nichts mit in der Sonne trocknen lassen und so ziehe ich mich sofort wieder an.

Ich stelle an einer schönen Stelle mein Zelt auf und zum ersten Mal habe ich ziemlich grossen Hunger. Beim Kochen höre ich plötzlich jemanden rufen. Völlig erschrocken springe ich auf, ein Mensch!!

Josef kommt aus Österreich und ist bereits seit 3 Wochen unterwegs. Er startete beim Nordkap. Wir plaudern ziemlich lange und schliesslich stellt auch er sein Zelt auf. Es ist schön ein Mensch zu treffen und mit jemanden sprechen zu können. Und ich bin unendlich erleichtert, denn jetzt weiss ich mit Sicherheit, dass ich immernoch auf dem richtigen Weg bin. Wir verstehen uns auf Anhieb sehr gut und ich bin froh um jeden Tipp, den mir Josef gibt. Nach einem kleinen Lagerfeuer gehen wir relativ früh ins Bett.

 

11. Juli 2015 – 4. Tag

Schon sehr früh (es ist kurz nach 5.00 Uhr!!) weckt mich Josef und wünscht mir für meine weitere Reise alles Gute. Er ist bereits abmarschbereit. Für mich ist es allerdings noch viel zu früh und sobald er weg ist, schlafe ich nochmal ein paar Stunden. Schade, dass wir uns nur so kurz getroffen haben, irgendwie hat er mir ein bisschen Sicherheit gegeben, ich fühlte mich in seiner Gegenwart nicht ganz so verloren. Bald merke ich aber, dass Josef mir seine Fussabdrücke hinterlassen hat. Nicht mehr ganz so unsicher und mit einem Lächeln auf dem Gesicht marschiere ich weiter. Auch heute ist es streng und der Weg ist wie auch die Tage zuvor extrem sumpfig. Mittlerweile habe ich aufgehört, meine Gamaschen nach jeder Sumpfpassage auszuziehen. Viel zu aufwendig.

Der Pfad führt am Ufer des Ráisjávri entlang, eine wunderschöne Gegend, wenn es nur nicht so sumpfig wäre. Heute geht fast kein Wind und die Mücken sind entsprechend eine Qual. Am späten Nachmittag erreiche ich die Reisavannhytta, mein heutiges Tagesziel. Ich bin erstaunt, Josef dort anzutreffen. Eigentlich wolle er heute noch mindestens 20Km weiter laufen. Er erzählt mir, dass er ein Stück weiter vorne bis zu den Knien im Sumpf versunken ist und deshalb gezwungenermassen seine Schuhe trocknen lassen muss. Ich freue mich, ich mag seine Gesellschaft.

Lagerfeuer

Ich versuche, meine Haare zu waschen, was mir nur mässig gelingt.. Das Wasser ist so kalt, dass ich immer wieder ans Ufer muss um keinen Kälteschock zu kriegen.

So geht ein wunderschöner, anstrengender Wandertag bei einem gemütlichen Lagerfeuer und Geschichten aus dem Leben zu Ende.

 

12. Juli 2015 – 5. Tag

Ich bin sehr früh wach, trotzdem verpasse ich Josef, welcher wie gestern auch schon, bereits unglaublich früh losgelaufen ist. Schade, obwohl wir uns gestern Abend schon verabschiedet hatten, hätte ich ihn gerne nochmal gesehen. Da er fast doppelt so viele Kilometer am Tag wandert als ich, werde ich ihn unmöglich nochmal einholen.

Ich fühle mich heute sehr fit und bin bereits gegen Mittag dort, wo ich geplant hatte zu zelten. Ich mache nur eine kleine Pause und beschliesse dann, noch etwas weiter zu laufen. Unterwegs treffe ich noch ein deutsches Paar. Wir plaudern kurz über die Wegbegebenheiten und das jeweilige Ziel. Nachdem sie sich verabschiedet haben, mache ich noch mal eine kleine Pause. Es ist schon später Nachmittag und ich habe für heute genug gewandert. Nach etwa einer weiteren halben Stunde komme ich zu einem kleinen Fluss und beschliesse, am Ufer mein Zelt aufzuschlagen. Ein wunderschönes Plätzchen.

Ich wasche meine verschwitzten Kleider im Fluss aus und hänge sie in den Büschen auf. Hoffentlich trocknen sie bis morgen.. Beim Abendessen sehe ich noch einen weiteren Wanderer. Er hat unglaublich viel Gepäck dabei und bei genauerem Hinsehen, weiss ich auch warum.. Er trägt tatsächlich ein faltbares Kajak auf dem Rücken! Er will in der Nähe der Reisavannhytta (meinem gestrigen Zeltplatz) mit dem Kajak in See stechen und die ganze Strecke bis zu seinem Auto zurückpaddeln. Coole Idee!

Auch heute gehe ich früh schlafen.

Zelt

 

13. Juli 2015 – 6. Tag

Ich mache den Fehler, ohne Frühstück los zu laufen. Zu hause esse ich nie Frühstück, dafür habe ich selten Zeit und sowieso bin ich nie wirklich hungrig am Morgen. Nun merke ich aber, dass mir die nötige Energie fehlt und ich verspreche mir, auf meiner Wanderung niemals, NIEMALS wieder das Frühstück auszulassen!

Der Weg ist sehr anspruchsvoll. Es geht stetig bergab und unten im Tal folge ich dem Reisaelva, einem ziemlich breiten Fluss. Oftmals ist das Ufer sehr steil und ein paar Mal ist der Pfad mit dicken Seilen gesichert. Zum Glück, denn sonst weiss ich nicht, ob ich mit meinem Gepäck vorwärts gekommen wäre.

schwierige Wegbegebenheiten

Am Nachmittag erreiche ich endlich die Nedrefosshytta, mein heutiges Tagesziel. Doch es sind bereits zwei einheimische Fischer hier. Ihr Englisch ist sehr schlecht, so dass wir uns nur mässig verständigen können. Auch scheint der eine ziemlich betrunken zu sein und sein Gesicht ist blutverschmiert. Anscheinend hat er sich bei einem Sturz (kein Wunder in diesem Zustand) die Nase gebrochen. Irgendwie sind mir diese zwei Männer nicht ganz geheuer und ich bin erleichtert, als ich sehe, dass die beiden nur einen Zwischenstopp eingelegt haben und nun mit ihrem Boot noch etwas weiterfahren wollen.

Der Reisa-Nationalpark ist bei den Norweger ein sehr beliebtes Ausflugsziel. Irgendwo weiter flussabwärts kann man Motorboote mieten, weshalb die Stille, welche ich in den letzten Tagen so genossen hatte, nun dauernd von Motorenlärm gestört wird.

Ich schlage mein Zelt am Ufer auf und beschliesse gerade, im Fluss zu baden, als ein Mann auf mich zukommt. Er übernachtet heute mit seinen beiden Kindern in der Nedrefosshytta. In den Schulferien der Kinder wandert er mit ihnen immer ein kleines Stückchen auf dem E1 Fernwanderweg. Ganz im Süden von Norwegen haben sie vor x Jahren begonnen und in diesen Sommerferien werden sie das Nordkap erreichen. Ich bin beeindruckt. Die Kinder sind etwa 10-12 Jahre alt. Ich glaube, in diesem Alter hätte mich niemand zum freiwilligen Wandern überreden können..

Nach meinem Bad bringt mir der Vater der beiden Kinder, noch etwas von ihrem Essen, er hätte zuviel davon. Als ich auspacke, was er mir in einem Plastiksack gebracht hat, bin ich überwältigt: einen Apfel (!!!), eine halbe Tafel Schockolade (!!!) und ein paar Scheiben Brot (!!!) sind drin. Wow, mir läuft das Wasser im Mund zusammen! Sofort beisse ich in den Apfel. Aaaah, wie gut das ist!! Endlich mal wieder etwas frisches, gesundes. Mittlerweile kann ich nämlich kein Reis mehr sehen und ich ertappe mich immer öfter, wie ich mir ausmahle, was ich gerne alles essen möchte, sobald ich wieder in der Zivilisation bin.

Am Abend trifft auch noch das deutsche Paar ein, welches ich gestern kurz getroffen hatte. Sie laden mich in die mückenfreie Hütte ein und so plaudern wir alle noch bis spät in die Nacht.

 

14. Juli 2015 – 7. Tag

Der Vater und seine beiden Kinder sind schon weg, als ich gegen 8.00 Uhr aus dem Zelt krieche. Das deutsche Paar lädt mich zum Frühstück wieder in die Hütte ein, was ich dankend annehme. Es ist so schön, endlich mal wieder mückenfrei essen zu können. Wir plaudern noch fast bis 11.00 Uhr, bevor ich mich verabschiede und auf den Weg mache.

Heute führt der Weg den ganzen Tag am Fluss entlang. Es ist eine wunderschöne Gegend, doch wie schon gestern, sind auch heute relativ viele Menschen mit den Motorbooten unterwegs, was die ganze Idylle etwas stört.

An einem schönen Platz schlage ich mein Zelt auf und koche mein Abendessen. Ich bin müde und freue mich auf’s Schlafen. Doch bevor ich wegdämmere, kommt eine Gruppe Einheimische, welche auch hier ihre Zelte aufschlagen. Sie sind mit den Booten unterwegs und feiern bis in die frühen Morgenstunden.. Gegen 5.00 Uhr wird es endlich ruhiger und ich kann einschlafen.

 

15. Juli 2015 – 8. Tag

Schon vor 8.00 Uhr bin ich wieder wach. Leise koche ich mein Frühstück und packe meine Sachen. Auf keinen Fall möchte ich jemanden wecken, ich glaube nicht, dass ich für diese Person ein freundliches Wort übrig hätte. Überall liegt Müll, leere Bierdosen und Zigarettenstummel am Boden. Ich hoffe sehr, dass diese Leute alles wegräumen bevor sie wieder weiterziehen.

Trotz wenig Schlaf, bin ich bereits gegen Mittag dort, wo ich eigentlich mein Zelt aufschlagen wollte. Kurzerhand beschliesse ich, weiter zu laufen. Der Weg führt unglaublich steil bergauf, manchmal muss ich auf allen Vieren den Berg hochkraxeln. Plötzlich hört der Pfad auf und ich finde keine weitere Markierung mehr. Oh mein Gott, doch nicht ausgerechnet hier!! Ich kann unmöglich mit meinem schweren Gepäck auf dem Rücken hier wieder runter.. Ich zwinge mich zur Ruhe und suche nach der Wanderkarte für diesen Wegabschnitt. Ich laufe normalerweise immer nach dem Wanderführer von Michael Hennemann, „Nordkalottleden“, welcher mich bis zu diesem Abschnitt sehr gut geführt hatte. Leider bin ich nicht besonders geübt im Kartenlesen und so starre ich die Karte bestimmt 20 Minuten an, bevor ich etwa herausgefunden habe, wo ich sein könnte. Der Pfad müsste nur ein paar Meter weiter rechts sein. Ich bin mir keineswegs sicher, aber was bleibt mir anderes übrig, als es einfach zu versuchen. Also stehe ich auf und kämpfe mich durchs Gebüsch. Und da, plötzlich sehe ich die nächste Markierung!! Vor Erleichterung kommen mir die Tränen und ich zittere am ganzen Körper. Ich wäre niemals in einem Stück diesen steilen Abgang wieder runtergekommen. Niemals.

Nach einer kurzen Pause und sobald ich mich wieder beruhigt habe, gehe ich weiter. Immer weiter bergauf führt der Pfad und ich habe eine wunderschöne Aussicht ins Tal, in welchem ich nun 2 Tage lang unterwegs war.

Reisa

Plötzlich stehe ich in einem Schneefeld. Ich bin nun längst über der Baumgrenze und die Landschaft hat sich stark verändert. Anstatt Bäume und Büsche bin ich nun umgeben von Geröll und Felsen. Trotz der Kargheit finde ich es wunderschön hier. Ich umrunde mehrere kleine Gipfel. Oft stapfe ich durch Schnee, was mir nicht immer Geheuer ist.. ich habe in den meisten Fällen nämlich keine Ahnung, was unter der Schneeschicht ist und ob mich diese auch tragen würde.. Bald kommt der erste Schneewasserfluss, welchen es zu durchwaten gilt. Also, Schuhe aus und Sandalen an. Das Wasser reicht mir bis zu den Knien und ist furchtbar kalt. Wieder am Ufer muss ich die Zähne zusammenbeissen, damit ich nicht laut aufstöhne.. wie tausend Nadeln sticht es mir in die Füsse.

Langsam werde ich müde, doch irgendwie finde ich heute keinen geeigneten Platz zum zelten.. Ich will nicht auf Steinen schlafen und so beschliesse ich, bis zur nächsten Hütte zu laufen, was bedeutet, dass ich dann knappe 40 Km gewandert bin. Natürlich unterschätze ich die Distanz. Die letzten Kilometer kann ich kaum einen klaren Gedanken fassen und als die Hütte endlich in Sicht kommt ist es kurz vor Mitternacht. Ich habe den ganzen Tag abgesehen vom Frühstück nichts gegessen und meine Füsse, Hüften und der Rücken schmerzen. Die Hütte ist zum Glück leer und so packe ich in aller Eile meinen Schlafsack aus und gehe ohne Essen ins Bett. Ich bin zu müde um noch irgend einen Finger zu rühren und innerhalb von kurzer Zeit schlafe ich auch schon.

 

16. Juli 2015 – 9. Tag

Trotz des gestrigen Tages bin ich relativ früh wieder wach. Ich habe einen Bärenhunger.. Ich bin hier auf finnischem Boden, deshalb konnte ich ohne Schlüssel in die Hütte rein. In Finnland gibt es Übernachtungshütten, welche man gratis nutzen kann. Allerdings entsprechen diese natürlich nicht dem norwegischen Standart.

Somas

Das Wetter hat etwas abgekühlt, es windet ziemlich stark, weshalb ich froh bin, ein richtiges Dach über dem Kopf zu haben. Ich mache ein Feuer im Herd und koche mir einen Kaffee. Jemand hat Spaghetti Carbonara hier gelassen, da er zu viel Essen dabei hatte. Ich weiss, ich hätte ja auch genug, aber mir läuft beim Gedanken daran das Wasser im Mund zusammen.. Und so esse ich halt bereits zum Frühstück Spaghetti Carbonara. Mmmh, ich glaube, ich habe noch nie so etwas Tolles gegessen!!

Nach dem Essen geht es mir wieder etwas besser und so mache ich mich bald auf den Weg. Mein Ziel heute ist die Pihtsusjärvi-Hütte, diese liegt am Fuss des höchsten Gipfels von Finnland, des Halti. Gemäss meines Wanderführers ist es für jeden Einheimischen ein MUSS, einmal diesen Berg bestiegen zu haben, weshalb ich mit vielen Wanderer rechne. Doch zu meiner Überraschung ist die Hütte leer als ich eintreffe. Ich koche mir eine Suppe und beim Essen kommen noch drei finnische Studenten rein. Coole Jungs, wir haben einen lustigen Abend und lachen viel. Sie wollen wissen, was ich am meisten an der Zivilisation vermisse. Ganz klar, eine warme Dusche, frische Lebensmittel, Brot, Schockolade… Bald verabschieden sie sich und auch ich verkrieche mich in meinen Schlafsack.

 

17. Juli 2015 – 10. Tag

Nach meinem Frühstück, es gibt Haferbrei, wandere ich los. Die Landschaft ist immernoch sehr karg, aber ich bin gerne hier unterwegs. Ich merke, dass ich mich langsam der Zivilisation nähere, über die grössten Flüsse sind nun Brücken gebaut und ich treffe auch mehr Menschen an. Zu meinem Erstaunen begegne ich einem dürren, älteren Herr mit einem langen, weissen Bart, ohne Schuhe und nur mit einem Fischernetz ausgerüstet. Was er wohl hier sucht?

Mein Tagesziel heute ist die Kuonjarjohka-Hütte. Diese steht auf dem Pass zwischen zwei Berggipfel. In der Hütte ist bereits eine polnische Familie, als ich eintreffe. Freundliche, angenehme Leute. Bald schon stapfen nochmal fünf Leute in die kleine Hütte, alle in meinem Alter. Wir verstehen uns auf Anhieb super und verbringen einen lustigen Abend bei Tee (-Schnapps) und einem Kartenspiel. Bald schon tauschen wir Handynummern aus, ich verspreche, auf meiner Rückreise einen Abstecher nach Helsinki zu machen, um sie zu besuchen. Sami und Nina, Anton und Katri und Jani sind mir auf Anhieb sehr sympatisch und ich freue mich schon jetzt auf meinen Aufenthalt in Helsinki.

Spät in der Nacht werden wir alle von komischen Lauten geweckt. Als wir aus dem Fenster schauen, sind wir von einer riesigen Herde Renntieren umgeben. Was für ein Schauspiel.. und ich bin unendlich froh, in der Hütte zu sein und nicht in meinem Zelt..

 

18. Juli 2015 – 11. Tag

Wenn alles gut läuft, werde ich heute die Zivilisation erreichen. Ich freue mich.

Schon früh verabschiede ich mich von meinen neuen Freunden und verspreche nochmal, nach Helsinki zu kommen.

Der Weg ist holprig und mühsam und die letzten Kilometer vor Kilpisjärvi ziehen sich unendlich in die Länge. Doch plötzlich stehe ich vor dem Einkaufszentrum. Wow, ich habe es tatsächlich geschafft!! Vor Erleichterung steigen mir beinahe die Tränen in die Augen. Ich bin unendlich stolz auf mich, musste ich mir doch oft genug anhören, dass ich warscheinlich nach zwei, drei Tagen umkehren würde, weil ich es nicht schaffen würde, solange ganz alleine in der Wildnis zu überleben. Die ersten 200 Km habe ich geschafft!!

Ohne nachzudenken, wie ich aussehe und was für ein Geruch ich hinter mir herziehen muss, gehe ich rein. Beim Anblick von all diesen köstlichen Angeboten läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich schnappe mir ein Korb und packe alles rein, was mich anlacht. Das habe ich mir jetzt verdient! An der Kasse merke ich erst, wie zusammenhangslos ich eingekauft habe: zwei Äpfel, Käse, Schokolade, eine Büchse Ravioli.. Naja, egal, ich bezahle und beisse zuerst in den saftigen Apfel. Göttlich!!

Im Wanderzentrum frage ich nach einem Einzelzimmer. Der Preis ist mir ziemlich egal, hauptsache es gibt eine warme Dusche, ein richtiges Bett und WLAN. Ich lade mein Handy auf und stelle das WLAN ein. Es ist völlig überfordert von den vielen Nachrichten, deshalb nehme ich erst mal eine warme Dusche. Wow, was für ein Gefühl. Ich wasche meine Haare bestimmt 3x bevor ich endlich aus der Dusche steige. Doch beim Kämmen komme ich nicht weit.. die untersten Haare haben sich zu einem verfilzten Knoten verhedert. Wie kann das sein nach nur 10 Tagen?? Nach ein paar Versuchen, den Knoten zu entwirren, gebe ich auf. Ich hole die kleine Nagelschere aus meinem Notfallset und schneide Strähne für Strähne von meinem geliebten Haar ab.

Haare

Etwa 20 cm schneide ich ab. Ich tröste mich damit, dass ich die Haare sowieso immer zu einem Knoten gebunden habe und dass es hier in der Wildnis niemand interessiert, wie meine Haare aussehen.

Zum Abendessen gönne ich mir eine Pizza. Es ist komisch, alleine in einem Restaurant zu sitzen und zu essen. Aber man gewöhnt sich an die verwunderten Blicke der anderen Touristen. Meine heutige Gesellschaft ist mein Handy und all meine Freunde und Familie, welche sich freuen, dass ich mich endlich mal wieder melde und die erste Etappe überlebt habe.

 

19. Juli 2015 – 12. Tag

Ich schlafe aus und gönne mir ein richtig tolles Frühstück: frisches, noch warmes Brot, Käse, Fleisch, Gurken, Tomaten, richtig guter Kaffee.. Was gibt es besseres!?

Ich kann meine Kleider waschen und lebe mal wieder meine CandyCrush-Sucht aus.

Zum Glück muss ich heute nicht wandern, es regnet den ganzen Tag in Strömen!

 

20. Juli 2015 – 12. Tag

Heute nehme ich den Bus um zum nächsten Supermarkt zu kommen, ich muss für meine nächste Etappe einkaufen. Ich will auch einen wärmeren Schlafsack besorgen, da ich immer ein bisschen gefrohren hatte in der letzten Etappe. Den alten Schlafsack werde ich zusammen mit ein paar unbrauchbaren Dingen nach Hause senden.

Ich freue mich darauf, morgen wieder zu starten. Und doch ist mir auch etwas mulmig zumute.. Ich habe meine Angst mich zu verirren oder dass mir sonst etwas zustösst immer noch nicht ganz überwunden.

Essen

2 thoughts on “Nordkalottleden 2015 – 1. Etappe

  1. Dirk April 6, 2016 at 10:26 a.m.

    Ui, auf dem vorletzten Bild schaust du aus wie eine Hex 🙂

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