Nordkalottleden 2015 – 4. Etappe
14. August 2015 – 36. Tag
Es gibt täglich zwei Fähren, welche die Wanderer über den Akkajaure bringen. Die erste fährt bereits um 06.40 Uhr und die zweite erst um 16.00 Uhr. Da ich aber überhaupt keine Lust habe so früh aufzustehen, beschliesse ich, die Fähre um 16.00 Uhr zu nehmen.
Nachdem ich mein Zimmer abgegeben habe, verbringe ich die restliche Zeit im Gemeinschaftsraum mit meinem Handy oder in einem interessanten Gespräch mit den Leuten, welche hier arbeiten.
Endlich ist es soweit und ich mache mich auf den Weg zum Anlegeplatz. Ich treffe nochmal Volker, welcher mir noch eine Packung Nüsse schenkt für Unterwegs. Es sind nicht viele Leute auf dem Boot, die meisten haben die Fähre heute früh genommen. Ich bin froh darüber, ansonsten hätte ich mit einem riesigen Strom Menschen wandern müssen.
Ich laufe noch etwa zwei Stunden bis ich einen wunderschönen Platz zum Zelten gefunden habe. So eine schöne Aussicht hatte ich noch fast nie.

Als ich bei meinem Zelt sitze und diesen wunderschönen Abend geniesse, fühle ich mich plötzlich sehr einsam. Wie schön wäre es doch, diesen unbeschreiblichen Moment mit jemanden zu teilen..
15. August 2015 – 37. Tag
Ich wache auf, weil ich heiss habe. Ja, ich schwitze richtig in meinem Zelt. Schnell schäle ich mich aus meinem Schlafsack und mache das Zelt auf. Es ist erst kurz nach 7.00 Uhr, doch die Sonne scheint bereits als wäre sie nie untergegangen. Wow, was für ein schöner Tag! Nach dem Frühstück bin ich rasch abmarschbereit. Mittlerweile bin ich ziemlich gut darin, meine Habseligkeiten zu packen und meistens brauche ich dafür nicht mehr länger als 10 Minuten. Jeder Gegenstand hat seinen Platz und ich weiss genau, wo alles hingehört. Wenn ich daran denke, wie oft ich manchmal meinen Rucksack wieder umpacken musste, weil ich einfach nicht mehr alles darin verstauen konnte..
Heute fühle ich mich ziemlich fit und ich singe den ganzen Tag leise vor mich hin. Da der Padjelantaleden, auf welchem ich mich momentan befinde, wieder etwas bekannter ist, treffe ich mehr Menschen. Allerdings ist es nicht so schlimm wie auf dem Kungsleden. Der Pfad ist ziemlich breit ausgetreten, weshalb ich fast nie meine Karte benutzen muss.
Irgendwann am Nachmittag beginnt ein ziemlich starker Wind zu blasen, welcher mir zwar die Mücken vom Leib hält, allerdings ist er so stark, dass ich jedes Mal friere sobald ich eine Pause einlege. Auch abends im Zelt ist es so laut, dass ich fast nicht einschlafen kann. Erst als ich mir mein Stirnband über die Ohren ziehe, kann ich langsam einschlafen.
16. August 2015 – 38. Tag
Es windet immer noch sehr stark. Da der Himmel aber strahlend blau ist, stört mich dass nicht so besonders. Im Gegenteil, ohne Wind wäre es wohl viel zu heiss zum Wandern.
Heute ist es streng, andauernd geht es bergauf und sofort wieder bergab. Allerdings ist die Landschaft so unglaublich schön, dass ich kaum aus dem Staunen rauskomme.

Bei einem ziemlich breiten Fluss will ich mein Zelt aufschlagen, doch als ich Näher komme, sind bereits schon vier Zelte dort. Also ziehe ich noch etwas weiter. Bald darauf passiere ich ein kleines Bächlein und etwas oberhalb vom Pfad finde ich eine wunderschöne Bleibe für heute Nacht. Da der Wind immer noch ziemlich stark ist, versuche ich mein Zelt etwas im Windschatten aufzustellen, was aber gar nicht so einfach ist.
Da ich aber letzte Nacht ziemlich schlecht geschlafen habe, döse ich heute trotz des Lärmes ziemlich schnell ein.
17. August 2015 – 39. Tag
Als ich aufwache, erschrecke ich. Es ist schon fast 10.00 Uhr, solange habe ich noch nie geschlafen. Schnell öffne ich mein Zelt um etwas frische Luft reinzulassen, es ist bereits ziemlich heiss. Der Wind hat sich gelegt und keine einzige Wolke ist am Himmel zu sehen. Wow, da erlebe ich also doch noch richtig tolles Sommerwetter!
Doch ich freue mich zu früh. Sobald ich aus dem Zelt gekrochen bin, werde ich von Mücken umzingelt, sodass ich schnell wieder ins Zelt gehe um mein Moskitonetz zu suchen. Oje, das habe ich schon länger nicht mehr gebraucht.
Kochen und Essen wird zu einer Herausvorderung. Die Mücken sind ja schlimmer als in den ersten paar Wochen meiner Wanderung! Schnell habe ich alles zusammengepackt und bin wieder unterwegs. Solange ich in Bewegung bin, sind die Mücken hinter mir, sobald ich stehen bleibe, bin ich wieder umzingelt. Trotz der Hitze kann ich meine Fleecejacke nicht ausziehen, die Mücken stechen sogar schon durch die Jacke hindurch. Mistviecher!!
Mein heutiges Tagesziel ist Staloluokta, ein kleines Sami-Dorf. Volker hat mir geraten, dort unbedingt nach Brot und Fisch zu fragen, es sei absolut zu empfehlen. Und tatsächlich, es gibt hier einen kleinen Kiosk, wo ein paar Nahrungsmittel und Süssigkeiten angeboten werden. Auf meine Frage nach Fisch und Brot werde ich allerdings enttäuscht. Aufgrund des Windes gestern gibts leider keinen Fisch. Allerdings kann ich etwas später das frisch gebackene Brot abholen. Ich kaufe mir also ein paar Kekse und Zimtschnecken und schlage mein Zelt direkt am See auf und springe kurz ins Wasser. Es ist zwar eiskalt, aber nach diesem verschwitzten Tag tut das unenlich gut.
Das frische Brot ist absolut köstlich, einfach der Wahnsinn!! Während ich vom Zelt aus (draussen hats immer noch zuviele Mücken) den wunderschönen Sonnenuntergang beobachte, lasse ich mir das Brot schmecken.

18. August 2015 – 40. Tag
Auch heute sind die Mücken unglaublich agressiv, zum Glück aber gibts am Nachmittag ein laues Lüftchen, welches mir wenigstens ab und zu die Mücken etwas verscheut.
Heute bin ich nach vier Tagen auf dem bekannten Padjelantaleden wieder auf meinen geliebten Nordkalottleden abgebogen. Dieser wird einen kleinen Bogen machen und dann kurz vor Kvikkjokk wieder auf den Padjelantaleden stossen. Aber immerhin, zwei Tage etwas weniger Menschen.
Etwas oberhalb eines riesigen Wasserfalls stelle ich mein Zelt auf. Ein wunderschöner Ort.

Ich wasche meine Haare und auch mein Shirt, ein paar Socken und Unterwäsche und lasse alles in der Sonne trocknen. Ein herrlicher Abend an einem der schönsten Flecken Erde der Welt. Ach, könnte ich doch diesen Moment mit jemandem teilen..
19. August 2015 – 41. Tag
Der Tag fängt super an. Ein laues Lüftchen weht, welches mir die Mücken vom Leib hält und die Sonne scheint. Nach einem gemütlichen Frühstück wandere ich los. Eine der schönsten Strecken überhaupt! Der ganze Tag ist der Weg sehr einfach und es ist richtig angenehm zu wandern. Ich habe eine wunderschöne Aussicht und begegne fast niemandem.
Am Nachmittag kommt mir plötzlich eine Frau entgegen. Auch sie ist alleine unterwegs und wir kommen schnell ins Gespräch. Sie heisst Marie und kommt aus Kiruna. Ich erzähle ihr, dass ich dort meine neuen Wanderschuhe gekauft habe. Der Zufall will es, dass sie genau in diesem Sportgeschäft arbeitet, wo ich von ihrem Arbeitskollegen super beraten worden bin. Sie verspricht ihm einen lieben Gruss von mir auszurichten und dass sich die neuen Schuhe bis jetzt super bewährt hätten. Ich muss lachen, Zufälle gibt es!
Irgendwann am späten Nachmittag ist es plötzlich wieder windstill und die Mücken sind aggressiver als je zuvor. Bald schon schlage ich mein Zelt auf und verkrieche mich an diesem einzigen mückenfreien Plätzchen.
Ich denke viel an meine Liebsten und ich nehme mir ganz fest vor, mich bei einer bestimmten Person zu entschuldigen, sobald ich wieder in der Schweiz bin. Eine Entschuldigung ist seit Monaten ja, sogar Jahren absolut überfällig. Doch im Stillen weiss ich, dass ich mir auch selber vergeben muss um über meine Fehler hinwegzusehen. Keine einfache Aufgabe..
20. August 2015 – 42. Tag
Ich schlafe schlecht und wache andauernd wieder auf. Ich habe Hunger und abwechselnd heiss und kalt. Habe mir gestern wohl einen leichten Sonnenstich geholt, einen Sonnenbrand auf jeden Fall.
Schon ziemlich früh bin ich abmarschbereit und gegen Mittag komme ich zu einer Übernachtungshütte, welche einen kleinen Laden hat. Ich kaufe mir Schokolade und Kekse, wobei ich letztere gleich sofort verputze und nochmal nachkaufen muss. Ich plaudere ziemlich lange mit dem Hüttenwart. Er ist begeistert davon, dass ich bereits den ganzen Nordkalottleden abgewandert bin und will viele Details wissen. Ich erzähle ihm, dass ich Angst davor habe, wieder in mein altes Leben zurückzukehren, es passt einfach nicht mehr zu mir. Er versteht mich gut, auch er hat Angst davor, wieder zurückzukehren. Ohne seine Geschichte zu kennen, sehe ich ihm an, dass auch er seine Probleme im Leben hat. Ich glaube, wenn man einmal diese Einsamkeit und Freiheit erlebt hat, will man gar nichts mehr anderes. Ich verabschiede mich und er ruft mir nach: „Have a nice life!“ Irgendwie ziemlich krasse Worte.. Hab ein schönes Leben, geniesse es, mach dich selbst glücklich und wenn du’s nicht bist, ändere etwas! Mach, dass es für dich stimmt. Und zwar zu 100%!
Bei einem schönen See schlage ich mein Zelt auf. Ich denke viel über den Sinn des Lebens nach und was ich mir für mich wünsche. Ich möchte mich für immer so frei und unabhängig fühlen wie jetzt.


21. August 2015 – 43. Tag
Ich konnte das erste mal mit offenem Zelt schlafen, ohne dass ich gefroren habe. Das konnte ich noch nie!
Glücklich und leise vor mich hin singend laufe ich los. Der Weg ist happig, aber vielleicht liegt es auch nur an dieser Hitze. Es ist bestimmt 25 Grad!
Als ich bei einem kleinen Fluss meinen Becher mit Wasser füllen will, geht er plötzlich kaputt.

Och nein, das ist eher blöd. Ich habe meinen Becher immer in der Seitentasche meiner Hose und so kann ich, ohne jedes Mal meinen Rucksack auszuziehen, aus jedem Gewässer trinken. Nun muss ich wohl auf meine Trinkflasche zurückgreifen.
Bei der nächsten Übernachtungshütte erzähle ich dem Hüttenwart von meinem Becher. Kurzerhand schenkt er mir einen andern, welcher ein Wanderer mal hier vergessen hatte. Wow, vielen Dank!
Über Geröllfelder geht es weiter, immer Bergauf. Die Landschaft ist wunderschön und ich komme kaum aus dem Staunen heraus.
Bei einem kleinen See stelle ich erneut mein Zelt auf und geniesse die wunderschöne Abendstimmung.

22. August 2015 – 44. Tag
Die Sonne weckt mich, indem sie mir direkt ins Gesicht scheint. Was für ein schöner Morgen! Nach einem gemütlichen Frühstück bin ich bereits gegen 09.00 Uhr wieder unterwegs. Immer weiter bergab mit einer unvergesslichen Aussicht über unzählige Bergketten – einfach wunderschön!

Zum ersten Mal seit Langem komme ich wieder unter die Baumgrenze. Ich mache mich auf die schlimmste Mückenplage gefasst, doch erstaunlicherweise hat es gar nicht so viele Mücken. Es ist wohl sogar den Mücken zu heiss heute, wir haben immerhin 25 Grad im Schatten! (Gemäss Thermometer bei der Njunjes Fjällstuga) Auch mir läuft der Schweiss immer wieder in die Augen, was ziemlich brennt. Ab jedem noch so kleinen Wasserrinnsal freue ich mich.
Ich bin nun wieder auf dem Padjelantaleden und treffe auf mehr Menschen. Heute ist mir das aber ziemlich egal. An einem schönen Uferplatz mache ich eine längere Pause. Heute ist das Leben schön.

Bei der Njunjes Fjällstuga treffe ich Inga, die Hüttenwartin. Mit einem fröhlichen Lachen und einem Stück Geburtstagstorte (GEBURTSTAGSTORTE!!) heisst sie mich herzlich willkommen. Obwohl ich nicht vorhabe, in der Hütte zu übernachten, setzte ich mich kurz zu ihr auf die Veranda. Inga ist etwa 70 Jahre alt, barfuss und trägt nur einen Ohrring. Ich beschliesse sofort, auch mal genau so zu sein wie sie, wenn ich in diesem Alter bin. Wir reden eine ganze Weile über alles mögliche. Als sie fragt mich, was mir mir beim Wandern durch den Kopf geht, muss ich nachdenken.. So viele Gedanken, jeden Tag, ich kann es kaum in Worte fassen. Ich erzähle ihr von meiner Angst, wieder zurück in mein altes Leben zu müssen, wieder jeden Tag im Büro zu sitzen und immer und immer wieder das Selbe zu tun und zu erleben. Ich möchte für immer so frei sein, wie ich mich jetzt gerade fühle.
Als ich mich von Inga verabschiede, sagt sie mir: „Irgendwann musst du wieder zurück in dein altes Leben. Aber wenn du diese Freiheit, das Glück, welches du hier verspürst, in deinem Herzen mitträgst, werden es die anderen Menschen in deinen Augen sehen, weil du dieses Glück ausstrahlst. Versuche in deinem Herzen frei zu sein!“
Ihre Worte begleiten mich noch lange in die Nacht hinein.
23. August 2015 – 45. Tag
Relativ früh bin ich wieder auf den Beinen. Ich muss noch etwa 10km laufen, bis ich zur Bootsanlegestelle komme. Von dort fährt ein Boot nach Kvikkjokk, meinem Endziel. Wow, wie schnell die Zeit vergeht, mein letzter Tag auf dem Nordkalottleden!
Die Landschaft hat sich verändert und ich laufe heute den ganzen Tag im Wald.

Die Mücken sind enorm agressiv, weshalb ich froh bin, dass es eine kleine Hütte bei der Bootsanlegerstelle gibt. Die Bootsfahrt dauert etwa eine Stunde und schon stehe ich in Kvikkjokk.
Nach meiner obligaten Glace und einem Apfel, nehme ich mir ein Zimmer. Morgen früh (05.20 Uhr!!!) werde ich den Bus nach Jokkmokk nehmen und von dort aus nach Östersund und anschliessend nach Storlien fahren, wo der südliche Kungsleden beginnt, auf welchem ich noch etwas wandern möchte.
Beim Kartenschreiben gesellen sich drei Dutch-Jungs zu mir und bald sind wir in ein angeregtes Gespräch vertieft. Sie erzählen mir von ihren Wanderabenteuer auf dem Kungsleden. Sie wollen wohl Eindruck schinden, weshalb ich vorerst nichts von meinen 800 km erzähle. Ich will ja nicht angeben. 🙂
Es kommt mir immer noch sehr unwirklich vor, dass ich tatsächlich den gesamten Nordkalottleden abgewandert bin. Oft fühlt es sich so an, als wäre alles einfach ein wunderschöner Traum gewesen. Von meinen Freunden habe ich enorm viele possitive Feedbacks erhalten, welche mich immer sehr freuen, doch kommt es mir immer noch nicht wie eine riesige Leistung vor. Jeder könnte den Nordkalottleden abwandern. Absolut jeder! Die Meisten trauen sich das aber wohl einfach nicht zu, oder können sich nicht vorstellen, solange alleine zu sein.
Für mich war diese Wanderung eine wunderbare Erfahrung. Und doch muss ich zugeben, dass ich erst nach etwa 2-3 Wochen angefangen habe, die Wanderung zu geniessen. Vorher war es zwar auch schön, aber es war eine körperliche Tortur, geprägt von Angst und Unsicherheit.
Eines steht auf jeden Fall fest: Nächstes Mal werde ich am Nordkap starten und bis … hmm, ja, bis wohin wandern? Schweiz? Spanien? .. wir werden sehen! 🙂





























Liebi Barbara,
so ändlech chumi derzue Dir doch no es paar gueti Wünsch für Dis Abetür z‘ schicke!
I wünsche Dir vo ganzem Härzä ä „interessanti, abwechsligrichi,einzigartegi,wunderbari,mystischi
u spannendi Zit!! U häb Sorg zudr! Gott bhüeti Barbara!
herzlechi Grüessli
Renata Huonder