Trekking 2015 – Nachwort
Ich erinnere mich, dass ich in den ersten Tagen meiner Wanderung immer wieder an die Zivilisation gedacht habe. Wie schön es wäre, Internet zu haben, warmes, fliessendes Wasser, eine richtige Toilette, ab und zu einen guten Freund an der Seite, an jeder Ecke einen kleinen Supermarkt, etc. Ich habe mich oft gefragt, warum ich mir so etwas eigentlich antue und was mich dazu gebracht hat, mich für diese Art von Ferien zu entscheiden. Ich habe mich nach jeder Etappe immer sehr auf die Zivilisation gefreut und bereits ein paar Tage bevor ich dort ankam habe ich mir immer wieder überlegt, was ich mir alles kaufen will, was ich alles tun will, wen ich alles anrufen will.
Doch jedes Mal, sobald ich in der Zivilisation angekommen war, wünschte ich mir, ich wäre noch nicht dort. Es war mir immer zu laut, zu viele Menschen, zu viele Geräusche. Am schlimmsten waren die Supermärkte. So viele Lebensmittel im Überfluss. Ich erinnere mich, dass ich in Kilpisjärvi, meinem ersten Etappenziel, fast den Tränen nahe war, als ich im Laden stand. Ich war völlig überfordert mit so viel Auswahl und diese Menschen überall.. und das alles nur nach 10 Tagen in der Wildnis.
Im Bus nach Stockholm, die Fahrt dauerte ca. 8 Stunden, bin ich fast durchgedreht.. Hinter mir war jemand erkältet und nieste mir dauernd ins Genick und vor mir sass eine Frau, welche sich die Fingernägel zurechtgefeilt hatte. Diese Geräusche trieben mich fast in den Wahnsinn. Und als ich endlich aus diesem Bus aussteigen konnte, war ich mitten in einer Stadt, umgeben von Motorenlärm und so vielen Menschen, dass ich erst mal einfach irgendwo in einer Ecke stand und am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre.
In Helsinki habe ich meine fünf Finnischen Freunde, Nina, Sami, Anton,
Katri und Jani wieder getroffen. Ich freute mich unheimlich, diese tollen Leute wieder zu sehen. Doch nach zwei Tagen – und es waren wirklich zwei schöne Tage – war ich so müde vom Zuhören, Reden und einfach Präsent sein, dass ich in Tallinn (angeblich eine wunderschöne Stadt) in meinem Zimmer geblieben bin und erst wieder rauskam, als ich den Bus zur Weiterreise nehmen musste.
Erst in Pärnu, einem kleinen Städtchen in Estland, konnte ich wieder unter Menschen gehen. Da dort aber Zwischensaison war, gab es fast keine Touristen. Dort lernte ich Lukas kennen, ein Schweizer aus Biel, welcher seit sieben Monaten mit dem Fahrrad unterwegs war. Mit ihm habe ich mich sehr gut verstanden und ich glaube er hat gemerkt, wie überfordert ich mit der ganzen Situation war. Noch heute schreiben wir ab und zu miteinander, um zu wissen wie die nächsten Reisepläne aussehen.
In Riga blieb ich nur eine Nacht, an welche ich mich ehrlich
gesagt nicht mehr genau erinnern kann.. Im Hostel wurde ich mit einem Willkommens-Shot begrüsst und bald sass ich mit all den Backpackern am Tisch, mit viel Bier und einem Kartenspiel. Irgendwann giengen wir noch in einen Nachtclub, wo wir bis spät in die Nacht blieben. Wie ich den Weg zurück ins Hostel gefunden habe, weiss ich nicht mehr.
Ziemlich früh am nächsten Morgen musste ich wieder raus, ich hatte einen Bus nach Berlin gebucht, in welchem ich nun 22 Stunden verbringen würde. Ich glaube ich habe in meinem Leben noch nie eine so schlimme Busfahrt gehabt.. Mir war hundeelend und die ganze Fahrt über konnte ich mich nicht wirklich stillhalten.
Früh morgens kam ich dann völlig fertig in Berlin an, auf der Suche nach einem Hostel für ein paar Nächte. Ich wollte 3 Nächte in Berlin bleiben. Hier lernte ich Emily kennen, eine Kanadierin, welche mit mir im Zimmer schlief. Mit ihr verbracht ich meine Tage in Berlin. Ich hatte mich auch noch mit Manu, meinem guten Freund und meinem Guide, welcher ich auf meiner Kanutour in Schweden im 2014 kennen gelernt hatte, verabredet. Wir machten am Fluss in Berlin ein Picknick und redeten über Gott und die Welt. Es war schön ihn zu sehen. In seiner Gegenwart sehe ich die Dinge immer viel entspannter, er schafft es irgendwie immer, mich mit seiner Gelassenheit anzustecken.
Als ich endlich Richtung Schweiz unterwegs war, beschloss ich, nach Luzern zu fahren und von dort aus nach Hause zu wandern. Das würde mir nochmal 10 Tage in der Natur geben, bevor ich wieder zu Hause sein würde. Es tat gut wieder so unterwegs zu sein, doch wann immer mich ein Postauto auf dem Weg überholte, wünschte ich mir sehnsüchtig, wieder in der Wildnis zu sein. Hier starrten mich die Menschen an, sie musterten mich und hier war es nicht mehr egal ob dick oder dünn, modisch oder nicht. Ich fühlte mich als Aussenseiter.
Bald war ich wieder zu Hause, ich freute mich sehr, meine Familie wieder zu sehen. Doch schon nach ein paar Stunden musste ich mich entschuldigen und einfach für mich sein. Es war mir zu viel. Zu viel Lärm, zu viele Menschen und zu viel Aufmerksamkeit.
Meine ersten Wochen im Büro wurden zu den Schlimmsten überhaupt. Jeden Abend waren meine Beine und Füsse völlig geschwollen vom Sitzen, ich hatte dauernd Wallungen, ich hatte oft das Gefühl zu ersticken. Entweder musste die Bürotür zum Korridor offen sein oder ein Fenster, sonst fühlte ich mich sofort unwohl. Jeden Abend trieb es mich in die Wälder und ich fieng an, mich von all den Menschen, die ich liebe, zu distanzieren. Ich verbrachte fast jedes Wochenende alleine zu Hause, keine Lust mehr auszugehen und mit jemandem zu sprechen. Wenn ich doch mal mit meinen Freunden unterwegs war, fühlte ich mich oft fehl am Platz, ich gehörte hier nicht mehr hin. Mein altes Ich vielleicht, aber nicht ich.
Bald beschloss ich, dass ich hier weg muss, bevor ich an meiner Depression ersticke. Also buchte ich den Flug und kündete meinen Job.
Erst seit Kurzem, seit meine Zeit hier in der Schweiz absehbar geworden ist, geht es mir wieder gut. Ich gehe wieder unter Menschen, lerne sogar ab und an neue Freunde kennen, ja, ich gehe momentan sogar gerne zu Arbeit. Mir ist eines klar, nie wieder werde ich einen Bürojob annehmen. Ich will glücklich sein, das Leben ist einfach viel zu kostbar um es mit Depressionen oder Fernweh zu verschwenden. Jetzt bin ich jung und frei, dass zu tun, worauf ich Lust habe. Und genau so werde ich mein Leben von nun an leben!
Grandioser Erfahrungsbericht! Mich hat es schon immer in den Norden gezogen, 2008 endlich Nordkalottleten. Die Tour hat mich an meine körperlichen Grenzen geführt, aber das Gesamterlebnis war einfach unbeschreiblich. Absolute Stille, Weite, keine Zivilisation soweit das Auge reicht und dann diese grandiose Natur und Landschaft. Ich kann absolut nachvollziehen was Dich antreibt.
Nach 2 Wochen war ich körperlich soweit, dass ich weitere 4 hätte dranhängen können. Das Wandern wurde zum Flow. Die Rückfahrt im Zug dagegen eher eine Tortour – Zivilisationschock.
Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass man nur dieses eine Leben hat, die Zeit im gesunden Zustand der wertvollste Besitz ist. Verschenke diesen Schatz nicht an Tätigkeiten, welche Dir keine Erfüllung bringen. Das Leben ist ein unbeschriebenes Buch, es lohnt darüber nachzudenken, was Du darin lesen möchtest wenn Du alt und grau bist. 🙂