Nordkalottleden 2015 – 2. Etappe
Kilpisjärvi – Abisko
21. Juli 2015 – 13. Tag
Nach dem Frühstück nehme ich die Fähre, welche mich zum Dreiländereck und gleichzeitig dem nördlichsten Punkt Schwedens bringt. Es ist ein gelber, ziemlich hässlicher Betonklotz, mitten in einem kleinen See.

Bis zum Dreiländereck werde ich von vielen Touristen begleitet, doch sobald ich den Pfad Richtung Pältsa-Hütte nehme, bin ich wieder allein. Der Weg ist streng, immer bergauf und bergab, landschaftlich aber wunderschön. Das Wetter spielt auch wieder mit, den ganzen Tag ist es angenehm warm, mit etwas Wind, was mir die Mücken vom Leib hält.
Als endlich die Pältsa-Hütte, übrigens die nördlichste aller schwedischen Wanderhütten, in Sicht kommt, bin ich froh, mein heutiges Tagesziel erreicht zu haben. Der Hüttenwart begrüsst mich freundlich und bietet mir ein Glas mit Sirup an. Da es mittlerweile nach Regen aussieht, beschliesse ich in der Hütte zu übernachten.
Beim Abendessen wird die Stille plötzlich von Motorengeräusch gestört. Es sind Sami-Leute, welche versuchen, mit ihren Squads ihre Renntierherden zusammen zu treiben. Sie machen draussen bei einem Feuer eine Kaffepause und fahren bald wieder davon.
22. Juli 2015 – 14. Tag
Bereits um 9.00 Uhr marschiere ich wieder los. Es regnet nicht mehr und ich will das gute Wetter nutzen.
Wie jeden Tag ist es streng und oft muss ich den Hüftgurt vom Rucksack enger schnallen, damit die Schultern entlastet werden. Das mache ich jeweils so lange, bis mir die Hüften und Knien schmerzen, dann sind wieder die Schultern an der Reihe.
Heute ist es das erste Mal so, dass ich nicht bei jedem Schritt denke, was zur Hölle ich hier eigentlich tue. Ich geniesse die wundeschöne Aussicht und denke sehr oft an Zuhause. Was meine Freunde und Familien wohl gerade tun?
An einem breiten Fluss schlage ich mein Zelt auf. Yes, endlich wieder mal zelten! Mein Fussgelenk schmerzt etwas und ich hoffe, dass es mit Tigerbalsam bald wieder besser geht.
Schon früh kuschle ich mich in meinen Schlafsack, ich bin müde.
23. Juli 2015 – 15. Tag
Ich habe das erste Mal komplett durchgeschlafen und fühle mich topfit. Nach meinem Hafergrütze-Frühstück packe ich meine Sachen und laufe los.
Heute gehts über viele Geröllfelder, was das Vorankommen sehr erschwert. Plötzlich fängt es auch noch an zu regnen und die Sicht wird ziemlich schlecht. Zum Glück ist der Pfad hier mit zum Teil ziemlich hohen Steinhaufen markiert, sodass ich durch den Regenschleier erkennen kann, in welche Richtung es geht. Plötzlich stehe ich vor einem riesigen Schneefeld, welches in einem See endet. Oh mein Gott, soll ich etwa da drüber laufen? Und was, wenn der Schnee abbricht und ich im See lande? Das Wasser muss eiskalt sein.. Nach kurzem Erwägen suche ich mir einen anderen Weg, muss deshalb aber einen Umweg von fast einer halben Stunde in Kauf nehmen. Egal, ich will auf keinen Fall in einem eisigen See ertrinken!

Als ich bei der Daertahytta ankomme ist entgegen meiner heimlichen Hoffnungen niemand da. Ansonsten hätte ich ja vielleicht in einem Bett und mit einem richtigen Dach über dem Kopf schlafen können. Mit dem Hintergedanken, dass vielleicht später doch noch jemand mit dem DNT-Schlüssel vorbeikommt, schlage ich mein Zelt im Windschatten der Hütte auf. Auf der regengeschützen Veranda koche ich mein Abendessen. Es regnet immernoch, weshalb ich bald schon in meinem Zelt liege. Es ist noch nicht mal 20.00 Uhr! Wieder denke ich an meine Freunde. Ach wie einfach könnte es jetzt sein.. gemütlich Grillieren und dazu ein Bierchen oder zwei..
24. Juli 2015 – 16. Tag
Das heute einer der schlimmsten Tage meiner Wanderung werden würde, wusste ich beim Aufstehen noch nicht. Die Sonne scheint und ich kann mein Zelt frisch getrocknet zusammenpacken. Ich bin froh darum, denn für mich gibts keine schlimmere Vorstellung, als dass alles, wirklich alles, nass ist und es keine Möglichkeit gibt, meine Ausrüstung zu trocknen.
Kaum unterwegs, ziehen aber wieder Wolken auf und bald schon regnet es in Strömen. Der Vorteil daran ist, dass es keine Mücken gibt. Oder zumindest fast keine. Eigentlich finde ich es gar nicht so schlimm wenns regnet, es fühlt sich etwa so an, als würde ich bei Regen Joggen gehen und das tue ich zu Hause unglaublich gern.
Als ich zwischen zwei Seen passieren soll, passiert das Unglück. An den sumpfigen Pfad habe ich mich mittlerweile schon fast gewöhnt, doch hier spüre ich richtig, wie unter dem Sumpf die Erde wie bei einem Trampolin nachgibt. Und beim nächsten Schritt breche ich plötzlich ein. Mein linkes Bein steckt bis weit über dem Knie im Schlamm. Auch das zweite Bein bricht ein. Instinktiv versuche ich, einen weitern Schritt zu gehen, verliere dabei das Gleichgewicht und stürze. Nun liege ich da, mitten im Schlamm und spüre, wie das Wasser langsam meine Schuhe füllt.. Gott, ich werde hier im Schlamm versinken!! Hier komme ich nie wieder raus!! Panik kommt mir hoch und ich muss mir laut zureden: „Steh auf, Barbara, du stehst jetzt auf!!“ Durch den Sturz habe ich mein Gewicht in den Beinen verlagert und es gelingt mir, meine Beine aus dem Schlamm zu ziehen. Auf allen Vieren kriche ich an Land. Und dort sitze ich dann erstmal und heule mir die Augen aus. Ich habe keinen Bock mehr und zum ersten Mal denke ich ernsthaft daran, aufzugeben. Ich will nicht mehr, und bei diesem scheiss Regen machts auch keinen Spass. Doch schlussendlich habe ich eignetlich keine andere Wahl als aufzustehen und einfach immer weiterzugehen.

Endlich bei der Hütte angekommen, bin ich klitschnass. Es sind bereits zwei Norweger da, welche mich freundlich zu einem Kaffee in die Hütte einladen. Doch aus sie sind nur auf eine Kaffeepause hier und werden bald wieder aufbrechen. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als meine Regenkleidung wieder anzuziehen und weiter zu gehen.
Immer weiter bergab, komme ich bald in dichten Wald. Nahe am Fluss, unter einer grossen Tanne, finde ich ein einigermassen trockenes Plätzchen für mein Zelt. Bei einem kleinen Lagerfeuer (ich brauche verdammt lange, bis dieses Feuer endlich brennt) versuche ich meine nassen Schuhe zu trocknen.
Bald schon liege ich im Zelt. Es war ein furchtbarer Tag und trotzdem bin ich glücklich, dass ich ihn erlebt habe. Ich habe es geschafft, aus tiefem Schlamm rauszukommen. Ich bin heute definitiv an meine Grenzen gestossen, was für mich irgendwie eine furchtbare und gleichzeitig wunderbare Erfahrung war.

25. Juli 2015 – 17. Tag
Meine Wanderstiefel sind immer noch nicht trocken. Innerhalb kurzer Zeit sind meine Socken so nass, dass man sie ausdrehen könnte. Naja, nichts zu machen, alles was ich tun kann, ist einfach immer weiter laufen.
Der Weg ist streng. Ich bin nun im Dividals-Nationalpark, eine wunderschöne Gegend mit viel Wald und entlang einem breiten Fluss. Das Wetter ist wieder besser und der sanfte Wind hält mir alle Mücken vom Leib. So ist es schön zu wandern!
Unterwegs treffe ich auf eine Gruppe Fischer. Ein Vater mit drei Söhnen (nehem ich an), der jüngste ist etwa 14 Jahre alt und hat wohl gerade seinen Unmut über die Wanderung ausgedrückt. Als ich den Männern erzähle, wie lange ich schon unterwegs bin und bis wohin ich wandern möchte, schaut mich der Jüngste mit grossen Augen an. Verständnislos, aber auch etwas ehrfürchtig. Das er wohl denkt, ich spinne, nehme ich ihm nicht übel, schliesslich habe ich mir ja selber auch schon x-Mal überlegt, was mit mir nicht stimmt, dass ich mir freiwillig diese Tortur antue. Die Herren wünschen mir alles Gute und so wandere ich weiter.
Plötzlich geht es stetig bergauf und bald schon, oberhalb der Baumgrenze, erreiche ich mein heutiges Tagesziel, die Vuomahytta. Da ich ohne Schlüssel nicht rein kann, schaue ich nach, ob vielleicht schon jemand da ist. Und tatsächlich, als ich mich der kleineren Hütte nähere, ertönt lautes Hundegebell. Juhuu, es ist jemand da!!
Harry ist ein pensionierter Arzt und ist seit letztem September unterwegs. Er ist in Spanien gestartet und das Nordkap ist sein Endziel! Wow, ich bin absolut beeindruckt!

Er freut sich über meine Gesellschaft. Wir machen ein kleines Feuer und ich versuche erneut, meine Schuhe zu trocknen. Wir plaudern sehr lange über Gott und die Welt und bald schon werde ich müde und ziehe mich zurück.
Schon komisch, meistens gehe ich um 20.00 Uhr ins Bett und schlafe manchmal bis zu 12 Stunden..
26. Juli 2015 – 17. Tag
Bereits um 10.00 Uhr sind Harry und ich wieder aufbruchbereit. Wir verabschieden uns und jeder bricht in seine Richtung auf.
Ich bin ziemlich fit und die Strecke heute gefällt mir besonders gut. Meine Schuhe sind zwar immer noch nass, doch wenn ich alle paar Stunden trockene Socken anziehe, schmerzen meine Füsse nicht so sehr. Gegen Mittag erreiche ich bereits die Gasskasshytta. Ich mache eine kurze Mittagspause und beschliesse dann, nochmal eine Etappe in Angriff zu nehmen. Mein Ziel ist die Altevasshytta, wenn ich diese erreiche, habe ich ziemlich genau 30 Km gewandert.
Die letzten paar Kilometer ziehen sich unendlich in die Länge und als ich endlich bei der Hütte ankomme, ist sie leer und verschlossen. Ich stelle mein Zelt im Windschatten der Hütte auf und krieche bald schon ins Zelt. Das Wetter hat wieder umgeschlagen und es bläst ein kalter Wind.
27. Juli 2015 – 18. Tag
Es ist Montag. Ich glaube, meine Laune hat sich bei diesem Gedanken verabschiedet, obwohl mich das eigentlich ja nicht zu kümmern bräuchte. Ich höre dem Regen zu, wie er auf mein Zelt prasselt. Dazu gesellt sich das Pfeiffen des Windes und ich weiss, ohne einen Blick nach Draussen zu werfen, dass es heute echt ein misserabler Tag werden würde. Ich weiss, dass ich heute einen langen Tag vor mir habe, denn gestern habe ich zwei Wanderer getroffen, welche für meine heutige Etappe 10 Stunden unterwegs waren. Toll, und dazu noch Regen und Wind!
Ich überlege mir kurz, einen Ruhetag einzulegen. Doch der Gedanke daran, den ganzen Tag im Zelt zu liegen, lässt meine Laune nicht besser werden und so beschliesse ich, doch aufzubrechen. Wiederwillig stehe ich also auf und packe mein nasses Zelt zusammen.
Je höher ich steige, dessdo mehr zerrt der Wind an mir. Trotz meiner Regenkleider bin ich schon wieder nass. Ein Blick zurück lohnt sich aber, denn die Sonne zaubert einen wunderschönen Regenbogen in die graue Wand hinter mir.

Den ganzen Tag stapfe ich über Schnee- und Geröllfelder. Ich komme zu einem ziemlich breiten Fluss, welchen ich überqueren soll. Ein riesiges Schneefeld führt darüber und ich sehe an den Fussspuren, dass die Wanderer vor mir wohl einfach den Schnee als Brücke genutzt hatten. Wenn ich einbreche, wird mich der Fluss verschlingen, soviel ist klar. Egal, es gibt überhaupt keinen anderen Weg und tatsächlich, der Schnee hält.
Im Ganzen muss ich heute vier riesige Flüsse durchwaten. Das heisst, jedes Mal die Schuhe ausziehen und in Sandalen in eiskaltes Wasser zu steigen. Es tut höllisch weh und bei jedem Fluss werde ich wütender. Warum zum Teufel tue ich das? Warum kann ich nicht einfach wie jeder andere Mensch auch mein Leben zu Hause im Griff haben, glücklich sein mit meinem Job und Ferien am Strand machen? Warum bin ich und meine Launen so unberechenbar und warum muss ich immer alles kaputt machen? Warum kann ich nicht glücklich sein mit meinem Leben, welches ich hatte, bevor ich alles wegschmiss? Mir kommen die Tränen, ich bin unglaublich wütend auf mich und meine Entscheidungen, welche mich schlussendlich hier in die Wildnis getrieben haben. Beim vierten Fluss ziehe ich nicht einmal mehr meine Schuhe aus, es ist mir egal, sie sind ja sowieso schon nass und ich habe keine Lust mehr auf dieses verdammte Eiswasser! Ich schreie meinen ganzen Frust dem Fluss entgegen, beschimpfe den Schnee, den Regen und die Kälte, beschimpfe die ganze Welt und mich selbst.
Und plötzlich reissen, nur für ganz kurze Zeit, die Wolken auf und die Sonne lässt die Gegend um mich erstrahlen. Wow, was für ein wunderschöner Ort das hier ist!!

Nach 9 Stunden ohne Pause, komme ich endlich zur Lappjordhytta. Es regnet nicht mehr und so schlage ich mein Zelt ganz in der Nähe auf. Ich bin totmüde, und nach einer Nudelsuppe gehe ich sofort ins Zelt. Was für ein Tag!!
28. Juli 2015 – 19. Tag
Ich werde geweckt, weil es im Zelt richtig warm wird. Wow, die Sonne scheint!! Sogar mein Zelt ist wieder trocken und nach einem gemütlichen Frühstück nehme ich die letzte Kilometer in Angriff. Heute werde ich in Björkliden ankommen, einem kleinen Kaff kurz vor Abisko, meinem eigentlichen Etappenziel. Der Gedanke an Schokolade und Äpfel lässt mich vorantreiben.
Ich passiere eine wunderschöne Gegend. Die Seen sind zum Teil richtig türkisfarben!

Nach 5 Stunden komme ich endlich in Björkliden an. Beim Bahnhof gibts einen kleinen Lebensmittelladen. Als ich mich erkundige, wann der nächste Zug oder Bus nach Abisko fährt, werde ich enttäuscht. Der Zug fährt für heute nicht mehr und der nächste Bus kommte erst in 4 Stunden. Da ich heute nicht mehr zum Wandern zu motivieren bin, beschliesse ich in der Sonne auf den Bus zu warten. So kaufe ich mir meine heiss ersehnte Schokolade, Früchte und trinke Kaffee.
In Abisko nehme ich mir wieder ein Zimmer. Hier ist es viel touristischer als in Kilpisjärvi und ich werde mit etwas schrägen Blicken in Empfang genommen. Muss wohl auch dementsprechend riechen und aussehen, was mir aber ehrlich gesagt ziemlich egal ist. Bald schon stehe ich unter der Dusche und wasche den ganzen Schmutz und Frust der letzten Tage ab. Ich bin in dieser ganzen Etappe tatsächlich nie richtig im Wasser gewesen!
29. Juli 2015 – 20. Tag
Nach einem ausgiebigen Frühstück nehme ich den Bus nach Kiruna. Ich will mir neue Wanderschuhe kaufen, meine sind nämlich immer noch nass und die Sohle beginnt sich zu lösen. Nochmal so lange mit nassen Füssen wandern will ich auf keinen Fall!
30. Juli 2015 – 21. Tag
Heute kaufe ich mir meine Vorräte für die nächste Etappe ein. Diese wird länger als die letzten und ich rechne mit 14 Tagen. Die ersten paar Tage werde ich zwar auf dem Kungsleden wandern und soviel ich weiss, kann man dort in den meisten Hütten auch Essen kaufen, aber da ich mir nicht 100% sicher bin, kaufe ich lieber genug ein.
Diesmal freue ich mich riesig, wieder in die Natur zu kommen. Ich vermisse die Stille..
Am Abend melde ich mich im Restaurant an, ich habe Lust auf eine Pizza oder Teigwaren. Leider werde ich bitter enttäuscht.. Weder Pizza noch Teigwaren kann ich bestellen. Es gibt ein 3-Gang-Menu (Tagesmenu) und die Portionen sind so klein, dass ich später im Zimmer noch immer hungrig bin und Schokolade esse. Wer kommte den auf die Idee, in einem Wanderzentrum ein Gourmet-Restaurant zu eröffnen? Da hat doch jeder Wandere Lust auf Pizza und Burger..!?



























Hach ja, die Strecke Björkliden – Kilpisjärvi ist für mich die schönste am gesamten Nordkalottleden, da findet man so ziemlich alles was das Nordlandwanderherz begehrt 🙂
Du hättest aber in Abisko einen Schlüssel für die norwegischen Hütten kaufen sollen, der kostet ca. 100 SEK (ich glaube aber, der Preis wurde vor nicht all zu langer Zeit verdoppelt). Den kann man ja immer mal wieder gebrauchen.
Ja stimmt, das war wirklich eine schöne Etappe. Allerdings hat mir die Strecke Gautelis bis Ritsem noch fast besser gefallen.:) Ich habe mir schlussendlich in Abisko einen DNT-Schlüssel besorgt und war ziemlich froh! Als ich nämlich bei der Skoaddejavrehytte war, war der See noch komplett zugefroren!
Wann warst du auf dem NK unterwegs? Und wann gehst du wieder? 😉